Wenn wir uns über die Vielfalt an Gemüsearten im Garten und auf dem Teller erfreuen, lohnt sich ein Blick auf deren Herkunft. Denn alle Gemüsevarianten und Sorten von heute sind ursprünglich aus Wildpflanzen hervorgegangen.
Wie der Name «Kulturpflanze» besagt, wurden viele Wildpflanzen vom Menschen über lange Zeiträume kultiviert, damit sie unserer heutigen Ernährung dienen. Allein die vielen Kohlgewächse sind vermutlich auf den Meerkohl zurückzuführen – eine robuste, zähe Pflanze, die überwiegend an den mediterranen Stränden wächst. Wilde Karotten kennen viele aus Wiese und Wegrand. Kostet man die ausgesprochen holzigen und bitterschmeckenden Wurzeln, kann man sich kaum vorstellen, wie daraus die wohlschmeckenden Sorten von heute entstehen konnten. Es ist also eine wahre Kulturleistung der Menschheit, der wir die heutige Vielfalt verdanken. Und es erfordert ständige Erhaltungs- und Züchtungsarbeit, um sie zu bewahren.
Würden Kulturpflanzen ohne menschliches Zutun wieder frei versamen, entwickelten sie sich über kurz oder lang zurück in Richtung Wildform. Dies macht zwar die Pflanze vitaler, geht aber einher mit Einbussen bezüglich ihrer Qualität als Nahrungspflanze.
Sortenentstehung im Verlauf der Menschheitsgeschichte
Nach dem, was wir heute wissen, wurden die Menschen zuerst im Gebiet der heutigen Türkei und im Iran sesshaft, ungefähr im 10. bis 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. In dieser Region sind viele Wildgetreide beheimatet; entsprechend waren Gersten, Weizen, Erbsen und Linsen die ersten in Kultur genommenen Pflanzen. Einige Jahrtausende später ernährte man sich in Mitteleuropa neben Fleisch und Wildfrüchten von Urformen des Dinkels, der Rispen- und Kolbenhirse, Hafer, Emmer, Roggen und Pastinaken. Mit den Römern kamen weitere Arten wie z. B. Puffbohnen, Salate und Gartenmelde, aber auch Dill und Koriander über die Alpen.
In den mittelalterlichen Klöstern fanden vermutlich die ersten Züchtungsversuche statt. Hier wurden Gemüse-, Obst- und Kräutersorten beschrieben, gezielt auf gewisse Eigenschaften hin selektioniert und vermehrt. Die Klöster, aber auch Apothekergärten, waren also die Keimzellen der modernen Pflanzenzüchtung. Vielleicht auch hier bei uns im Kloster Rheinau, dessen Flächen wir teilweise bewirtschaften, um Saatgut zu vermehren.
In der Landgüterverordnung Karls des Grossen von Anfang des 9. Jahrhunderts werden neben vielen Kräutern auch folgende Gemüsearten genannt: Gurke, Zuckermelone, Flaschenkürbis, Kuhbohne, Kichererbse, Lattich, Sellerie, Fenchel, Schlafmohn, Mangold, Pastinake, Gartenmelde, Kohlrabi, Kohl, Speiserübe, Winterheckenzwiebel, Rettich, Schalotte, Küchenzwiebel, Knoblauch, Puffbohne, Erbse und Karotte. Ob die Karotte damals schon als Nahrungs- oder eher als Heilpflanze genutzt wurde, bleibt offen.
Mit der Entdeckung Amerikas kamen ab Ende des 15. Jahrhunderts Mais, Tomate, Kürbisse, Garten- und Feuerbohnen, Peperoni und Kartoffeln zu uns. Innerhalb eines Jahrhunderts stand eine Fülle neuer Kulturpflanzen zur Verfügung. Da diese bereits in Amerika genutzt wurden, kamen sie in entsprechend vielfältigen Formen und Varianten zu uns.
Bewahren und Weiterentwickeln von Sorten
Eine vor 100 Jahren eingeführte Sorte sieht heute anders aus als damals. Jede Vermehrung ruft Veränderungen hervor, teils bewusst, teils unbewusst vom Züchter oder von der Züchterin herbeigeführt. Indem stets die vitalsten Pflanzen für die Vermehrung ausgewählt werden, passt sich die Sorte an sich ändernde Umweltbedingungen an. Das wird heute, in Zeiten des Klimawandels, umso wichtiger.
Bei Sativa in Rheinau erhalten wir gezielt den breiten Pool an Eigenschaften der verschiedenen Sorten. Dafür müssen die bestehenden Sorten fortlaufend angebaut und frisches Saatgut geerntet werden. Andererseits entwickeln wir zusammen mit Partner*innen neue Sorten, die an die heutigen Anforderungen des professionellen Bio-Gemüsebaus angepasst sind.
(Es wurden Auszüge aus dem ausführlicheren Artikel von Pro Specie Rara übernommen, der hier in voller Länge zu lesen ist.)








